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Einblicke

Ich sehne mich nach Licht. Gerade jetzt in diesen Tagen. Wenn die Sonne so früh untergeht. Sobald die Sonne scheint, will ich raus. Das Licht in mich aufnehmen. Trotz der Kälte. Gegen Winterdepression. Gegen Grübelgedanken. Also raus. Ich gehe die Straße längs und bleibe an der Ampel stehen. Die zwischen der Schmiede und dem Finanzamt.

Der Typ neben mir steckt sich eine Zigarette an. Er schaut mich an. Mit der brennenden Flamme in der Hand. Ich ahne, das wird eine von diesen skurilen Begegnungen. Ich habe ein Herz für schräge Typen. Das es aber eine von diesen rätselhaften Offenbarungen werden könnte, war mir zu dem Zeitpunkt noch nicht klar.

„Was tust du?“ werde ich gefragt. „Ich warte.“ „Die Ampel ist rot.“ – „Ja eben.“ Der Verkehr tröpfelt. Es ist kalt.
„Worauf wartest du denn? Auf Grün?“ „Dass das Licht umspringt.“ „Ach so, dass es hell wird. – Das kommt von selbst.“
Komische Antwort, denke ich mir. Und sage: „Dass es vorangeht.“ „Was soll schon passieren?“ Warum antwortet er nur so verdreht? Wie aus der Zeit gefallen, scheint mir. „Das weiß ich auch nicht.“ „Vielleicht kommt Jesus Christus ja vorbei.“ Oh. Noch so ein Erleuchteter, denke ich. „Hier?“ „Wo denn sonst?“

Jetzt fange ich an zu fragen: „Woran würdest du ihn erkennen?“ Antwort des Mannes: „Das ist eine gute Frage. Er würde kein Namensschild tragen. Ich weiß nicht, wie er aussieht.“

Ich beobachte die Leute. Eine Frau trägt zwei Tüten mit dem Aufdruck vom Supermarkt weiter längs. Zwei Kinder schieben ihre Räder vorbei. Der Postbote hält mit seinem Auto an. Woran würde ich ihn erkennen? – Ich sinniere.
„Vielleicht erkennt er dich“, sagt der Zigarettentyp zu mir. „Woran?“ – „Daran, dass du wartest.“

Der Verkehr setzt einen Moment aus. Es ist still. Würde ich das wollen, frage ich mich. Die Erscheinung des Herrn erleben. Epiphanias in Meldorf? Halte ich sie überhaupt für möglich in meinem Leben? Der Mann neben mir offenbar schon. ‚Was würdest du von ihm wollen?’ frage ich mich dann. Doch wohl am ehesten Einblicke, wie es in meinem Leben weitergeht. – Erfüllung eben.

Als ob der neben mir Gedanken lesen kann, kommt prompt: „Ach je. Kleiner geht’s nicht?“ Ich schüttele den Kopf. Da bin ich entschieden. „Vergeudest du dafür nicht deine Zeit?“ Ich denke an den ungebackenen Kuchen für den Geburtstag der Nachbarin. Ich könnte Mails beantworten, die möglicherweise warten, aber möglicherweise auch nicht. Ich könnte das Mittagessen für morgen planen oder eine ToDo-Liste schreiben. Schuhe putzen, beim Zahnarzt anrufen wegen eines Vorsorgetermins. Es gibt den Neujahrsempfang, zu dem ich eingeladen bin, auch einen Kunstmarkt der Freundin in Hamburg am Wochenende. Ich denke an Reifenwechsel, die besten Hits der Achtziger und Neunziger, Yogastunden, Kartoffeln vom Markt, Hausaufgaben und dass die Kinder bald Zeugnisse bekommen. – Ich denke an alles und nichts.

„Nein“, sage ich schließlich. „Willst du ein halbes Marzipanbrot?“ Ich nicke. Wir kauen. Nichts passiert. Das heißt, es passiert eine Menge: Die Ampel wird rot und grün und wieder rot. Drei schwarze Autos fahren über die Kreuzung. Ein Hund kläfft einen Radfahrer an, der schlingert, flucht und fährt weiter. Im Eckhaus zur Promenade wird ein Fenster geöffnet. Jemand fragt in sein Telefon, ob er noch Brot mitbringen soll. Ich friere ein bisschen.
Trotzdem spüre ich die Sonne auf meiner Stirn.

„Reicht es nicht auch so?“, fragt mich der Typ. Wofür? „Für’s Leben.“ Ich überlege und schüttele den Kopf. „Wie fühlt sich Erfüllung an? Gib mir doch mal einen Einblick.“ Auf die Antwort bin ich jetzt mal gespannt.

Dann kommt’s: Satt sein ohne gegessen zu haben. Wach sein ohne geschlafen zu haben. Haut spüren, obwohl kein Wind geht. Glücklich sein, obwohl sich nichts verändert hat. Nicht wegwollen. Nichts brauchen, obwohl Manches fehlt.

Und wenn die Erscheinung des Herrn doch nicht kommt? Das Risiko muss ich eingehen, denke ich mir und gehe weiter. Die Ampel steht jetzt auf Grün. Eigenartig. Sie leuchtet wie sonst nie.

Ja, so kann es gehen, wenn es heißt: „Die Finsternis vergeht und das wahre Licht scheint jetzt.“ Die Zeichen sind da. Wir müssen sie nur deuten. (1. Johannes 2, 8b)

Marktandacht am 6. Januar 2017 – Epiphanias, Meldorfer Dom
Nach Susanne Niemeyer, Das Weihnachtsschaf, 24 wunderbare Geschichten, Freiburg 2016
Foto: Ina Brinkmann

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