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Freundschaftsbestätigung

Es heißt, die Gegenwart sei das Gewand Gottes. Was es bedeutet, sich von Gottes Licht in seinem Leben immer wieder streifen zu lassen, darum geht es in der Epiphaniszeit. Wir sind mitten drin. In der Epiphaniszeit und in unserem Leben. – Sich von Gottes Licht streifen zu lassen, fällt uns ja besonders schwer, wenn uns unser Leben so manches zumutet. Dazu vielleicht mal dieses:

„Ich habe ihm geglaubt, und er hat mich verlassen. Warum bleibt die Liebe nie bei mir? – Andere haben Kinder. Glück. Was weiß ich.“ Wir gehen am Deich entlang. Ich kenne die Geschichte, Paul ist Annas große Liebe. Ich kenne ihre Spaziergänge in St. Peter Ording, die Treffen im Eiscafé, die Abende mit Wein, den Ort ihres ersten Kusses. Wir haben das alles hundert Mal besprochen und durchleuchtet. Bis Paul eines Tages heiratete. Aber nicht Anna. – Anna konnte es nicht fassen. „Aber er hat doch gesagt…“ „Aber wir wollten doch …“ „Aber wie konnte er …“ Eine ganze Kette von Abers. Viele Tränen. Viel Wut. Welche Enttäuschung.

Ich gehe mit Anna ins Kino. Sie soll mal auf andere Gedanken kommen. Im Kinosaal ist es schon dunkel. Der Film hat gerade begonnen, als wir uns setzen. Auf der Leinwand sehen wir, wie zwei Männer durch Felder gehen. Wiesen. Die Sonne steht tief. Der Himmel ist weit, die beiden wirken verloren in dieser Weite. Sie reden. Reden, reden, reden und können nicht aufhören, obwohl doch alles gesagt ist. – Ich schaue zu Anna neben mir. Sie schaut wie gebannt. –

„Sie haben ihn umgebracht“, wiederholt der eine Mann. „Was hätten wir tun können?“, der andere.
Man sieht eine Rückblende. Ein Hügel, drei Kreuze, eine Menschenmenge. Geschrei, Gejohle. Als sei der Tod ein Volksfest. Die beiden Männer stehen am Rand, ein paar Frauen sind bei ihnen. Sie weinen. Sie sehen zu, tatenlos, machtlos. „Mein Gott“, schreit der, auf den sie schauen, „Warum hast du mich verlassen?“ Dann bricht seine Stimme. Schnitt. „Paul hat mich auch verlassen“, flüstert Anna leise und drückt sich an mich in meinem Kinosessel, und weist mit dem Kopf in Richtung Film.

Wieder die beiden Männer. Ihre Hoffnung ist gestorben, ihr Glauben, ihre Liebe. Alles, worauf sie gebaut haben: Dass eine neue Zeit anbricht. Dass er da sein wird bis ans Ende aller Tage. Dass das Himmelreich längst begonnen hat. Sie sind auch wütend. Auf die großen Versprechen und dass sie geglaubt haben. Schöne Reden. War offenbar alles nur Schönrednerei. Sie wollen weg. Sie wollen alles hinter sich lassen, schnell, so schnell es geht.

Da nähert sich einer. „Wovon redet ihr?“, fragt er. Und endlich bleiben sie stehen. Sie schauen ihn an. „ Bist du der einzige, der nicht weiß, was geschehen ist?“ Und sie erzählen ihm. Dass sie Jesus von Nazareth getötet haben, dass der ein Prophet war, nein, viel mehr. Gott in Person.

Aber der andere lacht nur. Und deshalb seid ihr so betrübt? Was glaubt ihr denn? Glaubt ihr denn, man kann die Liebe töten? Und er fängt an zu erzählen: Wüsten werden Gärten sein. Weinende werden Träumende. Aus Steinen sprudeln Wasserquellen und kein geknicktes Rohr wird brechen. Die zerbrochenen Herzen werden heil. „Habt ihr das denn vergessen?“ Da bleiben die beiden Männer stehen, und plötzlich merken sie, dass sie längst angekommen sind. Sie sind zuhause. Über seine Worte haben sie den Weg vergessen. „Bleib“, sagen sie, als der Fremde gehen will. „Komm mit hinein. Es wird schon Nacht.“ Und der Fremde tritt ein.

Sie holen Brot und Wein und was sonst noch da ist und setzen sich. Der Fremde teilt aus. Brot und Wein für ihr krankes Herz. Und da erkennen sie ihn. Er sieht sie an und sagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich in eurer Mitte.“ Schnitt. Anna neben mir stupst mich an und lächelt. – Letzte Szene im Film: Der Fremde ist verschwunden. Die beiden Männer sehen sich an. Seine Worte haben ihr Herz entflammt. „Wie konnten wir das vergessen“, flüstern sie, „wie konnten wir auf einen toten Körper starren? Die Liebe kann man nicht töten, nie, nie, nie. Sie bleibt bei uns.“

Das Licht im Kinosaal geht an. Anna und ich sehen uns an. „Und die Liebe?“, fragt Anna und seufzt leise. „Sie bleibt“, traue ich mich zu sagen. „Aber Paul ist weg!“ Ich nicke. „Aber die Liebe ist nicht Paul“.

So kann es gehen in unserem Leben, wenn es heißt: Durch Mose hat Gott uns die Weisungen fürs Leben gegeben. Aber in Jesus Christus ist uns Gott selbst begegnet mit seiner ganzen Gnade und Wahrheit. (Johannes 1, 17) – Es ereignet sich. Wir müssen nur hinschauen.

Marktandacht am 13. Januar 2017 im Meldorfer Dom
Nach Susanne Niemeyer, So viel du brauchst, Freiburg im Breisgau 2013
Foto: Graphicstock

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Neuste Kommentare

  • Ruth Ellinghaus
    Vor 10 Monaten - Antworten

    Spontan denke ich an eine Textstelle aus ‚Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran‘ von Eric-Emmanuel Schmitt: „Deine Liebe zu ihr gehört dir. Die kann dir keiner nehmen. Auch wenn sie sie nicht annimmt, kann sie daran nichts ändern. Ihr entgeht nur was, das ist alles. Was du verschenkst, Momo, bleibt immer dein Eigen; was du behältst, ist für immer verloren!“

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