Mein Leben

Patorin Ina Brinkmann MEIN LEBEN

Aus der ostwestfälischen Pampa in die Großstadt Hamburg

Lahde an der Weser ist ein Dorf in Ostwestfalen. Mit dem Blick auf das Weser- und Wiehengebirge. Zwischen Kaiser-Wilhelm-Denkmal und Kohlekraftwerk. Mit bodenständigen Menschen. Wo die Scholle zählt. Und die Verlässlichkeit. Wo dich ein raues Wort trägt. Da bin ich groß geworden.

Die Evangelische Kirchengemeinde mit ihrem forschem Pfarrer zog die Dorfjugend. Kein Wunder. Denn was gab es schon außer der Dorfdisco freitags in Bierde? So pilgerten wir mit sechzig – siebzig – achtzig Jugendlichen ins Gemeindehaus. Machten Fahrradtouren. Veranstalteten Scheunenfeten. Und lasen in der Bibel.

Meine Fragen aber fingen da an wo die Antworten des Pfarrers aufhörten. So reifte mein Entschluss den ersten und letzten Dingen noch mehr auf den Grund zu gehen. Ich ging an die Hamburger Universität, um Evangelische Theologie zu studieren. Hamburg wurde es der Liebe wegen.

Mutterbrust und Uniluft

Macht bloß früh Kinder. Es lohnt sich. Studium, Familie und Haushalt lassen sich besser mit Zwanzig bewältigen als mit Vierzig.
„Meine“ Mädels sind inzwischen zwei wunderhübsche, selbständige, erwachsene Frauen. Dorothea lebt bei Den Haag. Ist jetzt Frau Doktor und erzieht zusammen mit ihrem Liebsten Christoph drei Kinder. Johanna hat als Pferdewirtin an der Universität in Island Equi Science studiert. Zucht, Training und Handel von Islandpferden ist ihr Metier. Man wird noch von ihr hören.
Beide meiner Töchter stehen ihre Frau in ihrem Leben. Ich bin stolz auf sie: So viel Wissen und Lebenslust ist da beieinander. Mehr brauche ich nicht zu sagen, oder?

Die Liebe zu Papier und schönen Dingen

Die Zeit zwischen Studium und Vikariat wollten überbrückt werden und die Töchter ernährt. Also galt es Geld zu verdienen. „Waltraud Bethge Papiere sucht Mitarbeiterin für Papeterie in Eppendorf. Sie sollte gewandt sein im Umgang mit Menschen und Freude haben an exklusiven Artikeln rund ums Papier“, so lautete eine Anzeige im Hamburger Abendblatt.

Aus anfangs zwanzig Wochenstunden wurden vier Tage wöchentlich. Nach einem halben Jahr wurde mir die Leitung der Filiale angetragen. Ich bin schließlich vier Jahre geblieben bei Bethge Hamburg. Fast hätte ich die Theologie an den Nagel gehängt. In jedem Fall gehört für mich seither Terpentinluft einer Handsiebdruckerei zu den Genüssen dieser Welt.

Warenkunde. Kassenführung. Ladenorganisation. Produktschulungen. Mitarbeiterinnenführung. Verkaufskonzepte. Kundengespräche. Handsiebdruckberatung. Alles das hat mich die Bethge-Zeit gelehrt. Eine Schule fürs Leben. Auch eine fürs Predigen. Denn über den Tresen hinweg lernt man Bedarf und Bedürfnisse kennen.

Immer große Kirchen

Macht nun die Kirche den Pastor oder der Pastor die Kirche? Beides stimmt. Auf jeden Fall kann ich sagen, dass mich seit meiner Kindheit große, gotische Kirchenräume berührt und geprägt haben: Die neugotische Kirche meiner Kindheit in Lahde/ Ostwestfalen, mein Lehrhaus St. Johannis Hamburg Harvestehude als Vikarin, St. Marien in Lübeck, einer der größten Backsteinkathedralen Deutschlands und der Meldorfer Dom in Dithmarschen.

Im Übrigen braucht niemand darüber vor Ehrfurcht zu verstummen. Denn es gilt für mich auch bei der Größe einer Predigtstätte hübsch auf dem Teppich zu bleiben.

Inzwischen weiß ich, solche Kirchen halten viel aus. Nicht aber die Menschen, die sich in ihnen versammeln. Wenn sie ihr Leben in der Kirche wiederfinden und einen normal menschlichen Ton antreffen, sind sie überrascht und oft beglückt. Und kommen wieder. Das zählt. Nicht die Größe eines Gotteshauses.

Aus diesem Stoff wird Frieden gemacht

Allen Leistungsträgern, Bürokraten und Sparkommissaren zum Trotz: Schulen und Kirchengemeinden können in Bewegung geraten und mit Freude und etwas Einsatzwillen neue Formen religiösen Lernens erproben. Als Tochter eines Schulleiters wusste ich, worauf ich mich einlasse.

Meine Zeit als Theologische Referentin im Pädagogisch-Theologischen Institut Hamburg hat es mir gezeigt. Drei Jahre lang habe ich die Projektstelle „KoKuS“ (Kooperation Kirche und Schule im Stadtteil) aufgebaut. Vielfältige Kooperationen in Harvestehude, Tonndorf oder am Osdorfer Born, in Hoheluft oder in den Vier- und Marschlanden halfen Schulklassen, ihre Kirche nebenan als kulturellen und religiösen Lern- und Erlebnisort zu entdecken.

Dabei ging es durchaus interreligiös zu. Voneinander zu lernen hilft nämlich beim friedlichen Zusammenleben. „Euer Koran da auf dem Tisch, der heißt doch anders, oder? Wie nennt Ihr das Buch noch?“ Hassan, zehn Jahre alt, zeigte auf die Bibel, die auf dem Altar lag. Als er und seine Mitschüler der Klasse 4 sich in der Stadtteil-Kirche niederließen, entstand ein lebhaftes Gespräch: Warum Christen in ihren Kirchen die Schuhe anbehalten und Muslime in den Moscheen nicht. Warum es hier Bänke gibt, einen Altar und eine Kanzel. Die Kinder stellen fest, dass es viele alte Geschichten gibt, die sich Christen wie Muslime erzählen. Die von der Arche Noah oder über Abraham und Hagar und Ismael zum Beispiel.

Herzensbildung ist käuflich

Sechs Jahre erfrischender, intensiver und konsequenter Arbeit in der Erwachsenenbildung liegen hinter mir. Die Evangelische Kirche in Hamburg hatte mir die Leitung einer seiner Bildungswerke übertragen. Angebahnte Ideen von vier Jahren Fusionsbildung in Entscheidungen umzusetzen und weiterzuführen, war meine Aufgabe. Dafür mussten Mauern eingerissen werden. Auch im buchstäblichen Sinn.

Es galt das Klima zwischen der Evangelischen Frauenarbeit und der Evangelischen Familienbildung in Hamburg Eppendorf zu verbessern. Die Identifikation für eine gemeinsame Zukunft musste stabil werden und wachsen. Die Vernetzungen zum Kirchencafé in der City und zur Filiale in Hamm-Horn als zwei weiteren Standorten der „offenen kirche“ mussten ebenso gestützt und gefördert werden.

Mit 800 Kursen und Veranstaltungen jährlich und einem Team von 180 Frauen und Männern als Dozenten eine evangelisch-christliche Arbeit gedeihlich zum Wohle der Menschen in Hamburg anzubieten, bedeutete einen Spagat zwischen Zielstrebigkeit und Bürokratie, Pragmatismus und Grundsatzdiskussionen. Zwischen Gelassenheit und Stoßgebeten. Von allem eine gute Mischung.

Knapp 10.000 Adressen wurden halbjährlich für das neue Kursprogramm angeschrieben. Es versammelten sich Menschen jeden Alters. Mit Information und Austausch erlebten sie Gemeinschaft auf Zeit. Man sagt ja, eine Unterbrechung des Alltags ist die kleinste Einheit religiösen Erlebens. Die „offene kirche“ hatte das zu bieten. Der Slogan lautete: Wir begleiten Ihre Zukunft. Aufmerksam. Vielseitig. Verbindlich. Christlich.