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Panoramablick

So mancher braucht heute einen Panoramablick. Man könnte auch sagen, so mancher könnte mal seine Scheuklappen ablegen, sein Schmalspurdenken aufgeben, seine Weitsicht üben. Einem Donald Trump ist es heute besonders zu wünschen, und mit ihm so manchem Politiker auf dieser Welt. Aber nicht nur denen. Wir müssen das selbst immer wieder einüben, alle miteinander, jeder, jede in seinem, in ihrem ganz normalen Alltag. Über den Tellerrand schauen, den anderen würdigen, zumindest aber bestehen lassen. Einfach gesagt. Schwer getan.

Den anderen zu würdigen, zumindest aber ihn bestehen zu lassen, davon erzählt auch diese Geschichte:

Anna Scott ist der größte Filmstar der Welt. Wer rechnet schon damit, dass ausgerechnet so ein Promi einen kleinen unscheinbaren Buchladen betritt. Und doch passiert es: Anna stolpert in den Reisebuchladen an der Ecke.
Dort trifft sie auf William, den Buchhändler. Kurz darauf wieder auf der Straße, stoßen sie zusammen. William schüttet seinen Orangensaft über Anna. Schöne Bescherung. Das weiße T-Shirt ist durchtränkt und hat lauter gelbe Flecken. Wie gut, dass Will gleich gegenüber wohnt.

Anna und Will verlieben sich, verlieren sich aber aus den Augen. Zwar hat Anna noch mal bei Will angerufen – aber sein etwas vergesslicher Mitbewohner Spike vergisst es Will auszurichten.

Zum Glück ist es noch nicht zu spät – eher zu früh, denn als Will im Nobelhotel zum Rendezvous ankommt, läuft noch eine Interview-Session. Kurzerhand mimt er den Reporter der Zeitung „Horse And Hound“, um mit Anna reden zu können. Schließlich lädt er Anna zum Abend ein. Wills Familie und einige Freunde wollen den Geburtstag seiner Schwester Honey feiern.

So kommt es also, dass ein weltberühmter Star in eine ganz normale mittelständische, abendliche Tischrunde gerät. Nach einem fulminanten Essen gibt es Brownies – kleine Schokoladenkuchen – zum Dessert. Alle an der Tischrunde sind satt, ausgelassen und fröhlich. Und dann am Ende die Frage: „Wer bekommt den letzten Brownie? Wer die tragischste Figur unter uns ist, bekommt ihn.“ Einer der Freunde fängt an und erzählt von seiner misslichen Lage: „Heute habe ich beim Spekulieren mit Firmengeld wieder Millionen verloren. Ich bin eine Niete. Und meine letzte Freundin hatte ich in der Pubertät. Da seid Ihr doch sicher alle einverstanden, wenn ich den letzten Brownie esse.“ Doch da mischt sich Wills Schwester ein: „Nein, der Brownie steht mir zu. Ich habe ganz zufrieden gelebt, doch dann kam mein Unfall. Seitdem sitze ich in diesem Rollstuhl in einem Haus voller Treppen. Und jetzt haben wir auch noch erfahren, dass ich keine Kinder bekommen kann.“ „Und was ist mit mir?“ fragt Anna, eben jene Schauspielerin. „Seit meinem 17. Lebensjahr bin ich auf Diät. Und ich war mit einer ganzen Reihe von Männern zusammen, die mich alle nicht sehr nett behandelt haben. Einer hat mich sogar ständig geprügelt.“

Alle aus der Tischrunde erzählen sie ihre Geschichte. Von dem, was sie bedrückt. Woran sie gescheitert sind. Was sie in ihrem Leben vermissen. Wer hat nun den letzten Brownie verdient? Was meinen Sie? Die Geschichte lässt es offen.
Ich finde, den Brownie hat nicht nur einer von diesen Menschen verdient. Er gehört geteilt. Der letzte Brownie in dieser Geschichte ist wie das Brot und der Wein am Tisch des Herrn. Es gibt eben keinen Wettlauf, wer am besten glaubt, am stärksten Demut übt, wer am deutlichsten Halleluja ruft.

Wir sitzen hier nämlich alle mit unseren versammelten Lebens-Geschichten. Genauso wie die berühmte Anna und all die anderen in der Geschichte. Mit den Anfängen. Und den Abbrüchen. Mit den Umbrüchen, die wir freudig oder auch weniger freudig erwarten. Mit Tragik und Trauer. Mit hoffnungsvollem Blick in die Zukunft.

Wir sind Menschen, weil wir lachen. Weil wir weinen. Weil wir verdrängen. Uns ärgern. Weil wir vermissen. Keiner von uns ist besser oder schlechter dran im Leben. Wir alle trinken aus demselben Kelch. Essen vom selben Brot. Gott blickt in die Runde und führt uns zusammen. Das Himmelreich ist nicht etwa so etwas wie die Schlacht am Kalten Buffet. Es sind nicht die Ellenbogen gefragt. Sondern eher Demut und Weitsicht. – Ich wünschte es mir im übrigen nicht nur für unseren täglichen Alltag hier. Ich wünschte es mir auch für Spitzenpolitiker dieser Welt. Dass sie mehr dienten und weniger führten. Und wenn ich es von einem Donald Trump oder anderen erwarte, muss ich damit bei mir selbst anfangen. Leicht gesagt. Schwer getan. Ich weiß.

Trotzdem: So könnte es gehen, wenn es heißt: „Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes“ (Lukas 13, 29), dem Wochenspruch der kommenden Woche.

Marktandacht am 20. Januar 2017 im Meldorfer Dom
Nacherzählung aus: Notting Hill, Comedy, Universal Pictures, 1999
Foto: Graphicstock

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Neuste Kommentare

  • bine
    Vor 10 Monaten - Antworten

    Das stimmt mal wieder ,…..jeder erst bei sich anfangen, dass wäre absolut die einfachste Lösung. …..sehr schöner Text

    • Ina Brinkmann
      Ina Brinkmann
      Vor 10 Monaten - Antworten

      Vielen Dank für diesen Beitrag. Herzliche Grüße.

  • Ruth Ellinghaus
    Vor 10 Monaten - Antworten

    Wieder eine Deiner Markt-Andachten – danke!
    Genau das ist es: bei mir selbst anfangen……….

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