Das große Glück

Frau K. wird 82 und lädt viele Leute zum Brunch ein. Dass ich dabei sein darf, freut mich. Frau K. ist eine klare, gerade Frau. Hat schon viel erlebt. Am Tisch wird so über dies und das geredet. Tragisches und Komisches. Was gibt es Neues in Elpersbüttel und Meldorf? In Epenwöhrden und Sarzbüttel?
Themenwechsel: “Heute Nachmittag gewinne ich eine Million!” Das verschmitzte Lächeln und die leuchtenden Augen von Frau K. machen mir Spaß. Nicht nur mir. 17 Uhr Bingo im TV. Das ist sonntags ein wichtiger Termin. Alle nicken. Möglichst keine Telefonanrufe in der Zeit. Alle kennen Bingo. Viele machen mit, stellt sich heraus.
Meine Frage: “Nun stellen Sie sich vor, Sie gewinnen heute Nachmittag wirklich die Million. Was machen Sie damit?” – “Och, so weiter leben wie bisher.” – “Neues Auto?” – “Brauche ich nicht. Habe keinen Führerschein.” Vorschläge der anderen ernten nur ein Kopfschütteln.
Die Runde diskutiert, was man mit so viel Geld anfangen könnte: Den Kindern und Enkeln schenken. Oder endlich ein neues Sofa. Das alte ist schon so durchgesessen.
“Oh”, sagt Frau K. spontan, “einen Wunsch hätte ich doch noch.” – “Na, was denn?” – “Ich würde dann eine Schiffsreise machen. Das würde ich so gern noch einmal erleben.”
Ja, so etwas ist toll. Die Tischgesellschaft stimmt dieser Idee zu. “Und wo sollte die Reise dann hingehen?” frage ich Frau K. Vor meinem inneren Auge gehen die Ozeanwellen und tun sich weiße Strände auf mit Palmen.
Schließlich kommt ihre Antwort: “Von Brunsbüttel nach Rendsburg.”

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