Dithmarscher Auferstehung

Das menschliche Leben hält sie bereit, diese kleinen und großen Variationen von der Auferstehung. Vom Glanz der Hoffnung auf ein neues Leben. Hier ist eine Variation davon. Aus Dithmarschen. Die Geschichte erzählt von einem Ende. Sie erzählt jener österlichen Hoffnung auf ein neues Leben. Auf ihre ganz eigene Weise.
Es war im letzten Jahr. Allerdings nach Ostern. In der Zeit der Maifeuer. Für diese Frau, von der ich erzählen möchte, war’s aber wie Ostern:
Die Flammen des Maifeuers züngeln. Viele Menschen stehen im Kreis. Die Nacht legt sich über alle. Der kalte Wind greift nach ihnen. Die Flammen lodern. Die Äste knacken. Die Glut in den borkig gebrannten Stämmen flackert. Der rote Schein legt sich auf die Wangen der Umstehenden. Alle sind seltsam berührt. Schweigen und gucken. Ein Ur-Gefühl überkommt sie. Werden und Vergehen. Das Feuer mit seinem Lodern und seinem Schein rührt so manche Gedanken an.
„Hier wird die Finsternis durchbrochen“, denkt die Frau bei sich, „endlich.“ Unwillkürlich fallen ihr die Worte aus der Schöpfungs-geschichte ein: Da schied Gott das Licht von der Finsternis. „Gott will, dass Licht ins Dunkel dieser Welt kommt.“ Dies zu denken hilft ihr. Bestärkt sie.
Sie weiß, dass sie das Richtige tut, als sie aus dem Kreis der übrigen heraus tritt. Hin zu den glühenden Scheiten in die Mitte. Die anderen, schweigend sehen sie, was die Frau tut.
Aus ihrer Jackentasche zieht sie beschriebenes Papier. Viel gelesen, das konnte man gleich erkennen. Wohl verschnürt zu einem strammen Bündel mit einem roten Schleifenband. Briefe von einem Mann, den sie mal ihren Liebsten genannt hatte.
Mit welcher Liebesglut hatte sie seine Sätze aufgesogen. Mit welcher Liebesglut hatte sie ihm geantwortet. Zeile für Zeile. Satz für Satz. Schwur für Schwur. „Vergiss mich nicht.“ So schloss jeder ihrer Briefe. „Vertraue mir.“ So endete jeder Brief von ihm.
Nun war die Liebe vorbei. Ausgeliebt. Die Glut hatte nicht gereicht für ein ganzes Leben. Der schöne Schein hatte sie getrogen.
„Vertraue mir“, wie lange hatte sie diesem Satz für ihr tägliches Leben Nahrung abgerungen. Fürs Hemdenbügeln. Fürs Tellerabwaschen. Für die Wundenpflaster auf den Knien der Kinder.
„Vertraue mir“. Und der Rest war Schweigen. Das Haus. Das Auto. Der Jahresurlaub. Alles hatte seine Bestimmung. Bis ans Ende ihrer Zeit. Es schien, bis ans Ende aller Zeiten.
„Ihr seid ein prima Paar“, sagten die Nachbarn. Aber der Schein trog. Sie hatte gelernt, Jahr um Jahr, die schmerzhafte Leere zwischen ihnen zu verstecken.
Schluss mit dem äußeren Schein und Glanz, wenn innen nichts mehr glimmt. Wenn nichts mehr stimmt. Wenn es nur noch finster ist in der Seele. Wie oft hatte sie geweint. Wie oft geklagt. Mal laut, mal stumm. Reden half nicht. Und Schweigen auch nicht. Wie lange hatte sie ihre Tage mit diesen Dunkelheiten zugebracht. Ob er’s wohl bemerkt hat, wie sehr sie sich abgequälte – für sie beide.
Mit einem kräftigen Schwung wirft sie das Päckchen in die Glut. Funken springen. Flammen lodern kurz auf. Die Briefe werden ergriffen.
Dieses ist die Nacht der Befreiung, denkt sie. Raus aus der Verknechtung der falschen Hoffnung. Des falschen Lebens. Sie weiß wohl, dass sie auch aufgibt, was ihr lieb geworden ist. Essen gehen in teuren Restaurants. Die Kulturreisen nach Paris, Rom, Amsterdam. Mal eben für ein verlängertes Wochenende.
Sie weiß, dass sie viel Unverständnis ernten wird. Sie fürchtet die Blicke so mancher Freunde, die zwar nichts sagen, doch längst über ihr den Stab gebrochen haben. Sie fürchtet das Gerede der Nachbarn. Sie sei eine, die die Familie kaputt macht. Und die Kinder?! Ob sie denn gar nicht an ihre Kinder dächte. Lieber innerlich im Exil leben, damit äußerlich alles zum Besten wirkt, das ist es, was andere wohl von ihr erwarten.
Das Papier der Briefe brennt lichterloh und zerfällt. Geht ein in die übrige Glut. Nimmt den roten Schein an. Und zerfällt dann aschegrau.
“So fühlt sich das also an”, seufzt sie. Ein leises Gefühl der Erleichterung durchströmt sie. Damit hatte sie nicht gerechnet.
Gespannt und gleichzeitig voller Furcht war sie gewesen, als sie Tage zuvor den Entschluss zu dieser Aktion gefasst hatte. „Werde ich es bereuen? Werde ich hadern und es doch nicht tun? Will ich gar zurück? Wird mich die Sehnsucht nach ihm packen?“
Nun aber tritt sie befreit wieder zurück in den Kreis der Übrigen. Was zu Ende ist, darf auch zu Ende sein. Ruhig und besonnen ist ihr Gemüt.
Ja, sie ist überrascht über dieses Gefühl. So fühlt sich also Auferstehung an, denkt sie und freut sich still auf den kommenden Morgen. Nun kann der Glanz der aufgehenden Sonne kommen. Die Neue Zeit darf jetzt sein.
(Auszug aus der Predigt in der Osternacht 2012 im Meldorfer Dom)

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