Innerer Frieden

Stina ist ein stilles Baby. Sehr angenehm, sagen sich die Eltern. Stina hingegen, wenn sie aufwacht, schreit nicht. Sitzt in einer Ecke ihres Bettchens und spielt mit dem Teddy. Sie strahlt viel und ist ein zufriedenes Mädchen mit großen blauen Kulleraugen und weizenblonden Haaren.
In der Spielgruppe brabbeln die anderen Kleinen schon, wundert sich Suse. Naja, Stina ist eben ein ruhiges Kind, denkt sie sich und schiebt die leise Sorge, es könne etwas nicht stimmen, von sich weg.
In the kindergarden, the other small babble already. Susan is surprised. Okay, Stina is even a quiet child, she thinks by herself and pushes that quietly worry, there could be something wrong with her daughter.
Eines Tages hängt Suse schluchzend am Telefon. „Stell dir vor, Stina kann nichts hören. Der Kinderarzt hat es festgestellt. Er hat bei der letzten Untersuchung in die Hände geklatscht. Stina hat überhaupt nicht reagiert.“
Es folgt eine Untersuchung nach der anderen. Ein Hörtest dem nächsten. Irgendwann ist es dann sicher: Sie ist gehörlos. Der Schock ist groß. Die Ärzte beruhigen. Die Beeinträchtigung sei ungewöhnlich früh erkannt worden. Das sei von großem Vorteil für ihre persönliche Entwicklung. Denn Stina ist noch keine zwei. Sie kann noch sprechen lernen.
Ein Dreivierteljahr nach den OP’s präsentiert Stina stolz die knallbunten „Knöpfe“ an ihrem Hinterkopf. Auf dem Rücken trägt sie einen kleinen Rucksack mit dem Sprachprozessor, der mit Mikrofonen die Laute der Umwelt aufnimmt. Sie läuft inzwischen wie ein Wiesel und ist mindestens genauso wild wie ihre Brüder.
Wild sind auch ihre Laute. Ahhh — Ohhh, kommt aus ihrem Hals, wenn sie gut gelaunt ist. Wenn sie wütend ist oder traurig, und das ist sie viel, schreit sie so überlaut, das andere es kaum ertragen können.
Stina ist anstrengend. Ihre Brüder sind froh, wenn morgens der Kindergarten und die Schule beginnen. Johannes, der Älteste, verdreht die Augen, wenn Stina das Wohnzimmer betritt. Sie n e r v t.
Sie nimmt sich, was sie kriegen kann. Das Spielzeug der Nachbarkinder. Die Wurstbrote vom Teller ihrer Brüder. Jede Minute der Aufmerksamkeit aller Erwachsenen um sie herum. Hat keine Hemmungen. Tritt, beißt und schreit, wenn es nicht nach ihren Vorstellungen läuft. Trotz ist das nicht mehr. Sie wird von Tag zu Tag aggressiver, seit sie hören kann.
Das Wochenpensum der Familie ist stramm: Montags bis Freitags mit dem Auto anderthalb Stunden Stina in den Gehörlosenkindergarten fahren. Zusätzlich zweimal in der Woche Spätnachmittags zur Logopädin in die Sprachtherapie begleiten. Und selbst donnerstags abends in den Kurs für Gebärdensprache.
Aber der Einsatz lohnt sich. „Stina kann jetzt Drei-Wort-Sätze sprechen“, erzählt Suse erleichtert. „Sie lernt von Woche zu Woche neue Wörter und reagiert auch nicht mehr gleich so sauer, wenn sie etwas mal nicht versteht.
Mittlerweile ist Stina sechs geworden. Den kehligen Klang ihrer Stimme hat sie fast verloren. Sie ist ein wackeres, munteres, selbstbewusstes Persönchen. Überall mischt sie mit. Wenn sie mal etwas nervt oder sie wütend wird, schlägt sie inzwischen nicht mehr los oder tritt oder schreit oder beißt. Sie fasst dann einfach an ihren Schädel, knipst ihre pinken Sensoren vom Kopf, legt sie auf den Küchentisch und geht ihrer Wege. Dann hat sie Ruhe.

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Gott behüte dich in diesen Zeiten. Er schenke dir die rechten Worte und das rechte Schweigen. Er schenke dir Menschen, bei denen du Gehör findest. Er schenke dir die Stille, die du brauchst für den inneren Frieden.

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