Passion heute – durchaus kritisch

Da steht nun einer und ringt um die Anerkennung, die ihm qua Amt zusteht. Militärisches Zeremoniell. Geld und Gut. Das ist sein Recht. Sein gutes Recht. Es werden hierfür die Paragraphen der freiheitlich demokratischen Verfassung bemüht.
Da stehen andere und protestieren gegen diese Anerkennung. Auch sie nutzen mit ihrem Protest die Grundrechte der Demokratie. Sie sagen im vielstimmigen Chor, der eine hätte die Anerkennung nicht verdient. Weil er fehlbar war, mindestens in einer Periode seines Lebens.
Die Logik der Protestler: Einmal fehlbar, immer fehlbar. Es wird diskutiert. Gestritten. Moralisiert. Verfemt. Presse und Talkshows sind heute das, was im Mittelalter der Pranger war.
Viele gegen – ja – gegen letztlich einen. Mir kommt es so vor als sei es eine Passionsgeschichte der heutigen Zeit. Das ist gewiss eine eigentümliche Gedankenbrücke. Aber ich kann mir nicht helfen, die Rufe „Kreuzigt ihn, kreuzigt ihn“ klingen mir bei der Affäre Wulff im Hinterkopf.
Und nun?
Was wird jetzt sein nach diesem wochenlangen Kesseltreiben? Die Reihen der übrigen werden sich wieder schließen. Sie werden sich gegenseitig auf die Schultern klopfen oder mit den Köpfen nicken und sich beipflichten: Das war richtig so. Der musste weg. Übeltäter, der er ist. Ausgrenzung statt Anerkennung.

Diese gegenseitige Bestärkung tut Not, denn ganz, ganz hinten im Kramladen der menschlichen Seele nagt das Gewissen. Bloß selbst nicht zu einem Christian Wulff werden. Wenn ich mich einreihe in den vielstimmigen Chor und mit dem Finger zeige, wie die anderen, dann stützt und stärkt das doch die eigene Natur.
Und verdeckt dabei ganz prima, dass wir alle – letztlich alle fehlbar sind. Der Gang durch den eigenen Dreck. Früher oder später wird er kommen im Leben. Da bin ich mir sicher.
Wo bitteschön nur sind die Simon von Kyrenes, die helfen, das Kreuz zu tragen? Wo bitteschön ist die große Volksmenge und sind die Frauen, die den schon längst Verurteilten und sein Kreuz beweinen?
Gab es sie in den letzten Wochen? Habe ich diese Stimmen überhört? Oder ist es wiederum ihre Natur, dass sie gegen das Getöse der Vuvuzelas nicht ankommen?
Dem anderen helfen sein Kreuz zu tragen, das ist eine Anerkennung der besonderen Form. Anteilnahme und Mitgefühl. Sich dabei mit in die Tiefe des anderen zu begeben. In dessen Dreck. Auch eine Art Ehrensold, oder?
Vergessen wir dennoch nicht, was Jesus denen sagte: Weint nicht über mich, sondern weint über euch selbst und eure Kinder. Wir sollten es in unserem Verstand bedenken und in unseren Herzen bewahren, wenn es wieder das nächste Kesseltreiben gibt. Gegen einen Christian Wulff. Der dann nur anders heißt.

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