V E R T R A U E N

Einmal, da soll alles gut sein. Einmal, da sollen die Lichter angehen, und du und ich stehen mittendrin. Alle Knoten lösen sich, und unser Herz ist leicht. Einmal, da lassen wir dich und mich hinter uns. Neu ist dann die Erde, auf der wir stehen. Alle Steine werfe ich in die Nordsee. Alle Schatten drehe ich zur Sonne. Einmal soll dieser Tag kommen. Und er soll kommen, wenn du und ich leben. Vielleicht bin ich eine Träumerin. Besser aber ein Träumer als einer, der nichts mehr erwartet. Ich erwarte alles.
Einmal, – da soll alles gut sein. Und bis dahin? Uns bleibt nur darauf zu vertrauen, dass es so sein wird. Vertrauen aber ist ein kostbares Gut. Wie kostbar, das wollten meine Konfirmanden neulich ausprobieren. Mitten in Meldorf. Mitten im Leben. Mitten auf der Gehstraße vor dem Rathaus. Die Diskussion um Geld und Gut, um Sicherheiten und um Vertrauen in Bezug zum Glauben in der Konfirmandenstunde zuvor hatte uns darauf gebracht. Eher würde doch die Nordsee durch den Dom schwappen als dass Menschen von sich absehen könnten und nicht ihren eigenen Vorteil suchten, so die Meinung der Konfirmanden. Der Gegenbeweis sollte angetreten werden. Geplant. Getan.
An einem ziemlich verregneten Donnerstag Nachmittag dann machten sich vierzehn Jugendliche also auf in die Innenstadt mit zweieinhalb Kilo Cent Stücken im Gepäck. In großen Buchstaben wurde mitten auf die Gehstraße das Wort
V E R T R A U E N gelegt. Buchstabe für Buchstabe. Und dann verschwanden alle hinter die Häuserecken. Ab auf die Beobachtungs-posten. Was würde wohl passieren? Wie reagieren die Passanten? In der Planung vorher waren alle möglichen Szenarien durch gespielt worden. Alle Konfirmanden waren davon überzeugt, die Meldorfer würden sich zwar wundern. Und ganz klar, das Geld würde aber aufgehoben und mitgenommen werden.
Fünfundsiebzig Minuten lang haben die Konfirmanden schließlich geguckt und gesehen, was die Menschen taten. Rentnerinnen auf dem Weg ins Küstencafé. Geschäftsleute rüber zur Sparkasse. Mehrere Jungs auf dem Rad runter zum Zingel und auch wieder zurück. Mütter mit Kindern an der Hand und auf dem Roller. Beste Freundinnen im gleichen rosa Outfit und mit Handy in der Hand. Ein Liebespaar eng verschlungen. Schiebende Fahrradfahrer. Touristen. Insgesamt hundertsechzig Leute. Ein Konfirmand hat es gezählt.
Viele guckten. Guckten und blieben stehen. Entzifferten, was da stand. Mit Geld geschrieben. V E R T R AU E N. Manche waren irritiert. Einige wurden nachdenklich. Fingen an zu diskutieren. Bis dann schließlich ein Paar seine Geldbörsen zückte. Und nach Münzen kramte. Dazukommende wurden angesprochen. Sie sollten doch auch …
Und so kam es, dass an einem ziemlich verregneten Donnerstag Nachmittag mitten in Meldorf, mitten auf der Gehstraße hinter das Wort V E R T R AU E N ein dickes, fettes Ausrufungszeichen gelegt wurde. Mit dem Geld der Passanten, die eigentlich auf ihrem Weg zum Teespeicher waren. Da staunten die Konfirmanden nicht schlecht.
Einmal, da soll alles gut sein. Einmal, da sollen die Lichter angehen, und du und ich stehen mittendrin. Alle Knoten lösen sich, und unser Herz ist leicht. Neu ist dann die Erde, auf der wir stehen. Einmal soll dieser Tag kommen. Und er soll kommen, wenn du und ich leben. Vielleicht bin ich eine Träumerin. Aber mit dieser lehrreichen Erfahrung und zweieinhalb Kilo Cent Stücken neulich mitten in unserer Stadt bleibe ich das gern. Und vielleicht reichen du und ich uns die Hand und üben uns im Vertrauen bis eines Tages A L L E S gut sein wird. (Marktandacht vom 24. Oktober 2014 im Meldorfer Dom)
Literatur: Susanne Niemeyer, Soviel du brauchst, Freiburg im Breisgau 2013

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